strapse


Kein Gedanke an Sex - 

viel eher an Mutter,

an die ungemütliche Kälte unter dem Rock, die mein Daunten zu einer eisigen Trennlinie zwischen meinem Körper und den Beinen werden und keinerlei Verbindung mehr zu meiner Mitte zulässt.

 

Dass Mädchen keine Hosen tragen - wo die sowieso an den Beinen so kratzen - scheint mir ein vernünftiges Gesetz, aber herbstens auch ein kaltes.

 

Sie lehren ein Mädchen ja auch, nicht überall herumzuklettern, herumzurutschen oder herumzutollen, denn wer will schon. dass man die grauschleierweißen, verhassten, gripslosen und deshalb pfennig-oder zweipfenniggehaltenen, ausgeleierten notwendigen Übel sieht.

 

"Sabs - Straps" - Sabine Neumann, Nebensitzerin und Freundin, gebürtig aus Senftenberg, nicht weit von Finsterwalde im Spreewald - "wir aus Senftenberg und Finsterwalde" sagte sie immer - hatte es wirklich nicht verdient, war sie doch eine der ersten, der die Mutter stattdessen einen "Sloggi" gönnte.

 

Komisch, dass mich die "Mein Hüfthalter bringt mich um" - ächzende Werbefrau, die mangels triumphaler Ware den besuch bei Bekannten kaum durchhalten kann, zum Lachen brachte - jedes Mal.

Weit weg war sie von meinem eigenen Erleben: ich war nicht dick und brauchte also keinen Hüfthalter, mir genügte das schmale, hundert Mal gewaschene Gürtelchen ohne jeglich Spannkraft, das ich so hasste.

 

Niemals hätte ich mit Freundinnen über mein Darunter gesprochen - nicht einmal mit der besten.

Warum fand auch der Turnunterricht unserer vierten Klasse dieses Mal im Musiksaal statt und nicht in der Turnhalle, wo man sich in der "Umkleide" in die hinterste Ecke drücken konnte.

 

Jungs und Mädchen vor und hinter dem schwarzen Flügel im Musiksaal - das bleibt mir lebenslang im Blick. Da finde ich kein Plätzchen. Da hilft nur eines: die weite, dunkelblaue, pluderige Trainingshose rasch über den blauen Faltenrock, der eigentlich mein Chorrock ist, aber den ich auch werktags trage.

 

Aufstellen nach der Größe.

Frühentwickelt bin ich eine der längsten. 

Sie sieht es.

Stellt mich zur Rede.

Verlangt, dass ich meinen Rock ausziehe, die Bollerhose herunterziehe.

 

Obwohl man es deutlich sieht, ich bestehe darauf: Ich habe keinen Rock darunter.

 

Was will sie damit erreichen, dass sie Margot Albrecht, die aus dem Haus am Plätzle, die ich nicht leiden kann, mit zur Toilette schickt, um nachzuschauen, ob ich meinen Rock drunter anhabe.

Ich schließe mich ein, überlege wohin ich den Rock verschwinden und später wieder hervorzaubern könne - mein guter Chorrock, der dunkelblaue Faltenrock, der die Turnhose aufpludert.

 

Es hätte mit klar sein können, dass meine winzige Chance, die Petze zur Mitlüge zu überreden, keine wirkliche war.

 

Nach der Grundschule bleibe ich auf der Volksschule, denn ich bin sehr jung und das Kurzschuljahr, das künftig das Schuljahr im Sommer beendet,gibt mir die Chance, nicht in Strapsen aufs Gymnasium gehen zu müssen.

 

Meine Strapse betraten mit mir das Gymnasium, in dessen Mädchenumkleideraum ich schnell lernte, dass die Mehrheit der Hoffnungsträgerinnen der Gesellschaft aus mit größtem Selbstverständnis Strumphosen tragende Wesen bestand. 

 

Ich beschloss, den Kampf aufzunehmen, scheiterte aber sowohl mangels finanzieller Mittel als auch an der vagen Einsicht, ich sei das anständigere Mädchen und damit auch immer begehrter auf einem Markt, den ich schon langsam erahnte.

 

"Marianne, Du trägst noch Straps!??"hörte ich wenige Wochen später meine über alles geliebte Oma Mütze aus dem elterlichen Schlafzimmer rufen, als diese - zu Besuch bei uns - ihre Tochter beim Umziehen sieht.

 

Mit dem ganz sicheren Gefühl, es hinter sich zu haben, lasse ich meine Siegesforderungen erfüllen.

 

Das dazugehören genieße ich so sehr, dass nun meine Minis am kürzesten, die Hotpants am schärfsten und die Aussicht möglichst für alle Welt geboten werden muss.

 

Nie mehr Pfennige sammeln, nie mehr dieses ziehende Gefühl, nicht zusammen zu gehören - vielleicht ab heute nie mehr - wenn ich die niederschreibe - 36 Jahre danach.

 

29. September 2002