Caro Fortunato,

 

wenn ich Sie als eine Ihrer zahlreichen Leserinnen – wobei ich eine neue bin - so ansprechen darf. Werter Glücklicher, es ist Ihnen gelungen meinen gestrigen Ferientag und vielleicht – das kann man heute natürlich noch nicht sagen – die weiteren Tage glücklich werden zu lassen.

Sie werden sich vermutlich nicht allzu sehr wundern, wenn ich Ihnen sage, dass mir das Glück in Form eines Ihrer Bücher zu Füßen – oder besser zu meinen sechs Beinchen lag. Möglicherweise ist es auch nicht verwunderlich, dass eine neue Leserin – als die ich mich bezeichnen kann, da ich bisweilen noch kein Buch von Ihnen gelesen hatte – Ihr Büchlein von vorne bis hinten in einem Rutsch liest - ja es regelrecht verschlingt. Eigentlich ist das Schlingen ja ungesund und für ein weibliches Wesen auch etwas unschicklich, aber nach der ersten Begegnung mit dem vorderen Einband nahm der Appetit seinen ungezügelten Lauf…

 

Wie gut kann ich die musikalische Dame verstehen, die bei den Klängen des Liedes aus dem Film „Die Reifeprüfung“ schwach wird und wie bewundere ich ihren konsequenten und generalstabsmäßig eingefädelten Einsatz für die wundervollen Südbewohner, die – sind sie nur in ihrem Element so ungeheuer schnell und kompetent sind. Dass sie außerhalb ihres Elements also nicht – oder vielmehr von den Zweibeinern so gut wie nicht – wahrgenommen werden, ist ihr großes Glück und ihr Schutz.

 

Die Aptenodytes pataonicus sind seit langem meine Vorbilder. Für die Aufnahme in eine ihrer Familien würde ich vielleicht sogar das Fliegen aufgeben. Aber vielleicht wäre das auch schade, denn ich bin ja geradezu auf Ihr Büchlein geflogen.

 

Verzeihen Sie bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.  Mein Name wird Ihnen wenig sagen, wenngleich Sie vielleicht schon mit anderen Widderchen-Familie – wenngleich vielleicht nicht mit solch mimikiry-kompetenten - Bekanntschaft machen konnten, so Sie selbst schon einmal im Süden urlaubten.  

Ja, ich bin Italienerin – sono italiana, orogliosa italiana. Genauer gesagt stamme ich aus dem Trentino. Kennen Sie das Ledrotal? Mich erkennen Sie an dem leuchtend gelben Gürtel, den ich immer um meine – sich leider von der Hüfte kaum unterscheidende – Taille trage und dem weißgetupften Oberteil, das schwarzgrundig ist wie meine sonstige Bekleidung. Könnte es sein, dass Sie meine weißen Fühlerspitzen verdächtigen, nach einem interessanten Objekt Ausschau gehalten zu haben? Da haben Sie durchaus Recht: Die Neugier brachte mich sanft schaukelnd zu diesem von Signora Perno zartgezeichneten Titelblatt mit den beiden leuchtend roten Fleckchen, die mich anlockten. Verwundert war ich allerdings ein wenig, nicht den vermutet stark-roten Duft wahrzunehmen. Stattdessen kam mir ein druckerschwarzer Geruch entgegen, der mich erst einmal abschreckte. Zum Glück wehte der Pelèr und schlug – ebenfalls glücklich – die Seite 13, die jedoch keine Nummer verzeichnet hat – auf und zeigte mir den wunderbaren Bibliothecario, der mich an meinen Schwarm Signore Repingu erinnerte. Dieses Buch musste ich lesen!

 

In unserem Tal haben sich seit der Bronzezeit Bipede niedergelassen, deren Verwandte vor allem in den Sommermonaten wo es hier am schönsten ist, störend, lärmend, schlagend und viele von uns tötend einfallen und - Sporcizia hinterlassend - sich erst Wochen danach - bruciata dal sole - wieder entfernen. Immer wieder versuchen wir uns diesen Wesen freundlich und vorsichtig anzunähern, langsam und von Weitem sichtbar schwebend auf sie zuzukommen, sie zart zu berühren. Sie wissen unsere Dolcezza in keinster Weise zu schätzen.

Ob diese Barbaren wohl jemals ein Buch lesen? Natürlich verstehen Sie ohne solche – uns zu eigenen - sensitiven Organe unsere Sprache nicht und auch nicht die der anderen Wesen. Wie sollen Sie da ein solch wunderbares Buch lesen und verstehen können wie „Der Sommer der Pinguine“! Vermutlich würden diese Barbaren kaltherzig fragen, was Pinguine mit dem Sommer zu tun haben oder weshalb auf dem Einband ein Pinguin mit einer roten Tasche durch London geht.

Ja, mir wäre es auch lieber gewesen, der Pinguin säße auf dem Bänkchen bei der Signora, umarmte sie und sie schnäbelten ein wenig – so viel es sich halt in der Öffentlichkeit schickt. Dann müsste sie nicht am Ende doch den in die Jahre Gekommenen erhören, der sich endlich doch ein Herz gefasst hat, nachdem er sie so lange beschämt und vergrämt hatte. Dieser Vigliacco sähe auch nicht gut aus auf der Titelbildbank neben ihr.

 

Wie sähe ich denn dort aus? Das habe ich gleich mal probiert: 

Dort auf dem Bänkchen sitzend habe ich dann Ihr Büchlein gelesen – von vorne bis hinten und dankbar für die schönen Stunden: 

Ihnen, werter Herr Fortunato wünsche ich noch viele schöne Musestunden und Lust zum Schreiber schöner Bücher und eine stets interessierte Leserschaft – welcher Wesen auch immer.

Sie haben mir eine Ferienfreude bereitet – mögen auch Ihre Ferien stets erholsam und freundvoll sein!

 

 

Ihr weißgeflecktes Widderchen aus dem Ledrotal